Der unschätzbare Wert einer Yogastunde – Kolumne

Der Abend war spät, die Nacht kurz und der Schlaf oberflächlich. Entsprechend erwache ich am nächsten Morgen mit einer bleiernen Schwere und dem Gefühl, dass ich noch mindestens eine Stunde länger hätte schlafen können. Nur widerwillig wälze ich meine Glieder aus dem Bett. Der Rücken steif und schon ist der Gedanke da: wie bring ich in dem Zustand überhaupt eine Vor- oder Rückwärtsbeuge hin? Geschweige denn noch so vorbildlich, dass ich tatsächlich ein Vorbild darstelle im Yogaunterricht. Ja, ich werde Yogalehrerin, aber ich bin auch immer noch ein Mensch. Mit Schwächen und Stärken wie jeder andere. Und alles andere als ein Schlangenmensch, der sich zu jeder Tages- und Nachtzeit ohne Umschweife in eine geschmeidige Stellung bringen kann.

So gehe ich eher schweren Schrittes Richtung Auto und fahre an den See. Ja, die Zeit morgens um 08 Uhr war jetzt zu knapp, um mit dem Rad zu fahren. Was natürlich ein schöner Einstieg gewesen wär. Auch das Bad in der schön geschwungenen Bucht lass ich aus. Die Zeit läuft. Meine Teilnehmerin auch schon bald da.

Ab auf die Matte. Beide mit verschlafenem Blick. Den Start recht beschaulich mit dem stehenden Halbmond und leichter Rückwärtsbeuge aus der Mitte des Rückens nach oben und nach vorne anschliessend die stehende Kopfkniestellung.

…und schon verschwindet der erste Morgen-Kopfnebel. Der Blick nach aussen gelingt schon besser, die Badegäste in der Bucht werden merklich sichtbarer. Dann folgt die Waage, die Schwalbe, der Schulterstand, der Pflug. Weiter mit Kopfkniestellung und Drehsitz, der Abschluss macht das Dreieck, trikonasana. Mit einer schönen, weiten Bewegung zur Seite mit einer dreimaligen grösstmöglichen, grenzüberschreitenden Ausdehnung der so selten beachteten Flankenregion.  

Trikonasana – das Dreieck in der Yogalehrerausbildung mit Korrektur von Heinz Grill

So und nun sind wir bereit für den Tag. Die Aufrichtekraft in der Wirbelsäule ist sanft aber deutlich spürbar. Die aufgerichtete Haltung fällt leicht, die Wahrnehmung nach aussen ist bedeutend besser, die Laune auch. Der Tag, der in aller Schwere begann und das Körpergefühl so war, als würde ich kaum die nächste Stunde prästieren vor lauter Müdigkeit, keine zufriedenstellende Arbeit zu leisten vermögen würde, geschweige zu kreativen Einfällen fähig wäre – alles wie weg. Eine Leichtigkeit und Zuversicht ist da. Die jetzt nichts mit Euphorie zu tun hat, sondern sich wie eine gute, gesunde, wahrnehmende Verbindung mit der Umgebung anfühlt.

Dinge, die sich im ersteren Zustand gedanklich wie der vermeintliche Mount Everst vor mir auftürmten sind wieder in eine Relativität gerückt und erscheinen absolut machbar. Der Körper gut durchgearbeitet, die Nerven gestärkt, der Blick wahrnehmend wach und nach aussen, im Innern eine angenehme, zentrierte Ruhe. So startet sich der Tag gut. Am besten jeder!


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