Sensibles Nervensystem: So können wir unsere psychische Stabilität fördern

Die Belastungen, denen wir heute ausgesetzt sind, sind enorm. Wenn man nur schon an all die Reize denkt, die beim Scrollen auf dem Handy auf uns niederprasseln und die wir in so kurzer Zeit unmöglich verarbeiten können. Oder wir haben eine einseitige Arbeit, die eine stundenlange Nutzung des Computers im Sitzen erfordert. Herausforderungen oder Gewohnheiten, die mit der Zeit an die Gesundheit gehen oder eine Belastung für unser Nervenkostüm darstellen. Die sensiblen Nerven benötigen deshalb mehr denn je eine Kräftigung.

Schritte auf dem Weg zu mehr Stabilität

Dieses sensible Nervensystem wird gestärkt in dem der Mensch fähig wird, sein Bewusstsein für etwas längere Zeit auf ein Objekt im Aussen zu lenken und auch zu halten. Dies geschieht durch Übung.

Nehmen wir das Beispiel einer Yoga asana. Einer Yoga-Stellung, die wir einnehmen. Die Kopfkniestellung, bei der wir im Sitzen mit ausgestreckten Beinen den Oberkörper nach vorne über die Oberschenkel ausdehnen.

Kopfkniestellung ausgeführt von Raphaelle Boudot, Yogalehrerin und Mentorin an der Freien Spirituellen Hochschule Naone, Trentino

Der Übende wächst mit der Wirbelsäule in die Länge und grössmögliche Ausdehnung. Er fasst sich den Gedanken, diese Ausdehnung aus der Mitte der Wirbelsäule auf Höhe des Sonnengeflechtes zu tätigen, dem zentralen sogenannten dritten Cakra, dem Kraftzentrum dieser Stellung. Aus diesem Punkt wächst er in die Länge zuerst nach oben und dann nach vorne.

Er wird dabei naturgemäss an eine erste Grenze stossen, die der Körper zulässt. Nun weicht der Übende aber nicht zurück oder geht beim ersten Widerstand wieder aus der Stellung heraus. Sondern er kommt trotz der Spannung zur Ruhe. Er beobachtet weiterhin den genannten Punkt auf der Höhe des Magens, beim Solarplexus. Er überlegt sich, wie er die aktuelle Position noch erweitern kann. Heisst, wie er die Wirbelsäule in bester Weise noch weiter in eine Längsdehnung führt. Er zwingt sich selber nicht in die Übung hinein oder zieht sich gar sich mit den Armen in einer weitere Ausdehnung nach vorne. Sondern er denkt sich die weitere Möglichkeit zuerst, stellt sich diese vor und erst nach einer soliden, sorgfältig getätigten Vorstellung führt er die Erweiterung aus.

Mit diesem überschauenden und ruhigen beobachtenden Innehalten geschieht Entscheidendes:

  1. Das Bewusstsein kann mit der ruhigen Beobachtung besser eingreifen und ist in einer klaren Führung
  2. Es entsteht eine Ruhe in der gehaltenen Position
  3. Die gewohnte Grenze kann nach getätigter Beobachtung und Vorstellungsbildung überschritten und erweitert werden

Diese Schritte sind auf alle Yogaübungen übertragbar und stärken das sensible Nervensystem. Denn der Mensch wirkt so mit seinem Bewusstsein und mit einem konkret gedachten Inhalt, mit einer eigenständigen gedanklichen Führung von oben nach unten. Vom zentralen Nervensystem, das dem Gehirn und dem Rückenmark zugeordnet wird, also im oberen Bereich des Menschen angesiedelt ist. Das vegetative Nervensystem, das für die autonome Steuerung zuständig ist, wie die Steuerung der Verdauung, die Atmung oder des Herzschlags, kommt zur Ruhe. Diese Ströme werden von oben – durch die Gedanken und die bewusste, ruhige Beobachtung – nach unten geordnet. Einflüsse aus dem vegetativen Nervensystem, die eine Unruhe oder auch Trägheit auslösen können und damit den Menschen mit der Zeit erschöpfen, werden weniger.

Auch dass der Mensch über das Gewohnte, Bisherige seiner Möglichkeiten und mit einer gewissen Ausdauer hinauswächst, wirkt sich förderlich aus. Es wird damit nicht nur das Nervenkostüm kräftiger, sondern auf natürliche Weise auch das Selbstbewusstsein. Ängste, Traumen aus der Vergangenheit oder Suggestionen und Manipulationen, die von unten aus dem vegetativen Nervensystem den Menschen beeinflussen, weichen zurück und der Einzelne kann sich selber durch den Gedanken führen lernen. Durch die Grenzüberschreitung lernt er neue Empfindungen kennen und es bilden sich neue Synapsen, neue neuronale Verknüpfungen im Gehirn.

Deutlich wird, dass es dafür ganz konkrete, eigenständige Schritte braucht. Zu Beginn ist es selbstverständlich, die Übungen zunächst nachzuahmen, um ihre Abläufe kennenzulernen. Entscheidend ist jedoch, sich anschließend selbstaktiv, aus seinem Ich heraus mit den Yogaübungen und ihren inneren Zusammenhängen auseinanderzusetzen. Nur so geschieht eine unabhängige Forschung, die mit einer individuellen, selbstständigen Entwicklung einhergeht. Und wenn der Übende die asanas einmal kennt, schützt diese Vorgehensweise ihn davor, in eine Routine zu verfallen oder oder sie als ein Konsumgut zu nutzen, das ihm „hilft“ sich besser zu fühlen.

Genau genommen sind es nämlich nicht die Übungen selbst, die Veränderungen bewirken, sondern die individuelle Auseinandersetzung mit den Inhalten, mit dem Sinngehalt der Übungen. Durch diese entstehen neue Erfahrungen und Empfindungen, die der Mensch nach und nach kennenlernt und die er im Alltag integrieren kann. So gesehen ist Yoga keine abgespaltene Sache, die auf der einen Seite steht und das soziale Leben auf der anderen. Es ist integral und verbindend zu verstehen. Jede erneute Praxis eröffnet zudem die Möglichkeit, differenziertere Wahrnehmungen zu entwickeln und das eigene Potenzial schrittweise zu erweitern.

Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmer mehr

Die These, dass Fähigkeiten, die man in der Kindheit nicht erlernt, im Erwachsenenalter nur schwer oder gar nicht nachgeholt werden können, wird heute differenzierter betrachtet. Grundlegende Prägungen aus der Erziehung sind sicher vorhanden. Das heisst aber nicht, dass die Entwicklung des Menschen ab einem bestimmten Zeitpunkt zu Ende ist. Aus wissenschaftlicher Sicht ist es heute unumstritten, dass das Gehirn lernfähig bleibt. Selbst Personen, die sich gänzlich unbeweglich empfinden, wie das oftmals bei Männern oder älteren Menschen der Fall ist, können mit den asanas noch erstaunliche Fortschritte erlangen.

Verharrt der Einzelne jedoch über lange Zeit in seinen gewohnten Grenzen und wagt sich nicht mehr auf fremdes Terrain oder etwas Neues zu erlernen, wird er zunehmend schwächer. Man stelle sich nur einmal vor, dass jemand sich nur noch in seinen vier eigenen Wänden aufhält, kaum mehr Menschen trifft oder meist nur über whats-app Nachrichten kommuniziert. Was beispielsweise bei einer chronischen Erschöpfung (CFS/ME) vorkommen kann. Der Betroffene macht keine neuen Erfahrungen, die mit menschlichem Kontakt unweigerlich verbunden sind und die er durch die Konfrontation mit dem echten Leben im aussen verarbeiten muss. Vielleicht weil er davon ausgeht, sich vor all den negativen Einflüssen schützen zu müssen. Durch den Rückzug wird er schleichend schwächer, merkt es aber möglicherweise über lange Zeit nicht. Sein gesamtes Nervenkostüm wird so immer sensibler. Der Rat, „immer gut auf den Körper zu hören“ und nur noch das zu tun, was ihm „gut tut“ ist sicherlich ein gut gemeinter Rat, ist aber – so ungewöhnlich das klingen mag – oftmals kontraindiziert. Denn wie bereits beschrieben erstarkt der Mensch an Grenzüberschreitungen. Auch wenn sie noch so klein erscheinen mag.

Durch die getätigten Yogaübungen, die mit einem vorgenommenen, klaren Ziel und einer sorgfältig gewählten, sinnvollen Grenzüberschreitung ausgeführt werden, kann der Einzelne die Widerstands-fähigkeit des sensiblen Nervensystems fördern. Er fördert bei sich eine Zentrierung in der Mitte und wird offen gegen aussen. Der Übende erlangt dadurch eine entschiedene psychische Ausgeglichenheit und Stabilität.

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Quellenangaben:

Internationaler Yoga-Tag: Die Wirbelsäule in der Kopf-Kniestellung erforschen – Yoga Arte

Das Gehirn | Max-Planck-Gesellschaft

Med. Bilder: pixabay.com


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