Viva l’Italia oder wie einfach Menschlichkeit geht

Der Alltag ist manchmal nicht wirklich einfach zu bewältigen, finden Sie nicht?

Termin reiht sich an Termin, Meeting an Meeting, Telefon an Telefon, Begegnung an Begegnung. Husch husch noch dies und jenes erledigen. Dann ab nach Hause und alles was man da nur noch kann ist, sich erschöpft aufs Sofa sinken lassen. Von einschlafen kann aber keine Rede sein. Das Nervensystem läuft immer noch auf Hochtouren und von Entspannung keine Spur. Es fühlt sich eher an als ob man irgendwo noch einen Stecker stecken hätte. Den ganzen Tag stand man unter Strom. Wen wunderts, dass in diesem dichtgedrängten Alltag nicht mal die Frage „wie geht es Dir?“ drin liegt. Vielleicht auch schon nur aus Selbstschutz. Das Gegenüber könnte ja mal wirklich und ehrlich sagen, wie’s im geht…Gott behüte.

Dann müsste man ja echt mal ne Runde zuhören, Anteil nehmen, den Blick nach aussen wenden und sich der Person einen Moment lang hingeben, sie anschauen, sich empathisch einfühlen. Im besten Falle einen freundschaftlichen, hilfreichen Tipp geben, den das Gegenüber auf neue Ideen bringt. Für all das reicht es meist nicht. Hopp hopp. Der Umsatz ruft, Zahlen müssen her. Cash-Flow erwirtschaften. Geld regiert schliesslich die Welt.

Wie unmenschlich ist es um uns rum geworden. Denn ich bin sicher: jeder sehnt sich danach, gefragt zu werden, wies ihm denn eigentlich dabei so geht. Wollen wir wirklich so arbeiten und leben? Wollen wir nicht in unserem täglichen Arbeiten, Wirtschaften und Tätigsein auch wahrgenommen werden? Egal ob wir jetzt als Frisöse, als Handwerker oder Geschäftsleiter im Dienste der Gesellschaft stehen. Wir alle sind aus Fleisch und Blut, aus Körper, Seele und Geist. Wir sind (noch) keine gefühlslosen Roboter, die beziehungslos alles ausführen was man ihnen beordert. Jeder Mensch will gesehen werden, freut sich über einen bewussten Augenblick, Zeit und Raum dem man ihm schenkt.

Irgendwie gewöhnt man sich an dieses oberflächliche über die Materie- oder die Menschen-flutschen. An dieses Vorbeistreifen ohne wirkliche Berührung. Jetzt nicht die Körperliche gemeint, sondern die Berührung im Sinne von seelischer, wärmender Berührung. Das geht nicht spurlos an uns vorbei, es macht etwas mit uns Menschen. Es geht etwas verloren. Die Begegnung wird distanzierter, abgekühlter. Man entfremdet sich, die Verbundheit ist nicht mehr.

Ein wirklich ernst gemeintes: „Hallo, wie geht es Dir?“ wäre vielleicht ein kleiner Anfang dazu.

Ein wirklich ernst gemeintes „Hallo, wie geht es Dir?“ habe ich erst kürzlich wieder mal erlebt. Und zwar an einem Ort, an dem ich es never erwartet hätte. In einem winzigen Nest direkt an den Gestaden des Comersees. Auf einer meiner zahlreichen Fluchten vor virtuellen Sitzungen und Meetings, Handygesprächen, hunderten von whatsapp-Nachrichten, mails, Chats und schnellen Begegnungen. In einer kleinen Bar, an Italiantità nicht zu übertreffen. Die Wände in dunklem Türkis gehalten samt Kronleuchter über der Theke. Die Decke leicht gewölbt und in Bachsteinen gehalten. Ein Regal voll mit unterschiedlichsten Chips und ein Kühlschrank neben dem Eingang bis oben gefüllt mit Bierflaschen lassen vermuten, dass hier die Gäste wohl auch mal ordentlich feiern. Rund um die Kasse ein kleines Chaos an Zetteln und Krimskrams. Wäre das nicht, wähnte man sich in einer 4 Sterne Bar. Aber das ist sie eben nicht, diese Bar Italia. Alles ist hier ein bisschen ungeschminkt, nicht gar so perfekt. Genau das ist es, was sie so sympathisch wirken lässt. Diese Bar nimmt den Gast auf als wäre er jeden Tag hier. Auch wenn er das erste Mal da ist. Der wohlriechende Cappuccho tut das Seinige dazu. Serviert von Felicità. Die Frau hinter der Theke ist im fortgeschrittenen Alter und passt mit ihren rotgefärbten Haaren, bunter Bluse samt moderner Hose mit Seitentaschen und grossen Ohrringen wie gegossen in diesen Raum.

Über der Bar sind ein paar Zimmer. Klar, dass ich hier nächtigen möchte. Felicità muss zuerst Marco fragen, obs noch Platz hat. Ja hat es.

Die Nacht ist ruhig. Das Plätschern des Sees wiegt mich im riesigen Bett in den Schlaf. Morgens beim ersten Sonnenstrahl raus aus den Federn unter die Dusche. Noch etwas schaftrunken steige ich die Treppe runter in die Bar. Felicità steht schon am Türeingang. Als sie mich sieht bleibt sie stehen und sagt: Buongiorno Lisa! Come va? Tutto bene? Ihr fragender Blick ruht auf mir. Sie weicht keinen Millimeter. Sie wills wirklich wissen. Ich bin echt ein bisschen verwirrt, weils so unerwartet ist. Diese eindringliche Frage morgen in der Früh. Ja, ja! Si, si grazie, tutto bene!

Wann hat das letzte Mal jemand mich so nachdrücklich danach gefragt, wie‘s mir geht? Gefühlt scheint es mir ziemlich lange her. Bei all den virtuellen Sitzungen und Meetings, Handygesprächen, hunderten von whatsapp-Nachrichten, mails, Chats und schnellen Begegnungen. Ich esse ein herrliches Frühstück. Immer wieder geht die Bartüre auf. Zuerst Giovanni, dann Anna, dann Mamma Laura samt Bambino und Nonna, Maurizio und Gustavo. Und immer zuerst wieder die Frage: Come va? Tutto bene? Dann erst gibts Kaffee!


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s