Ab in den Himmel

Es ist eine laue Sommernacht, sagen die einen. Eine Tropennacht sei es, sagen Meteorologen. Die Temperaturen sind jedenfalls wie im Süden. Ich lieg im Bett und dreh mich wie ein Fisch auf trockenem Boden von einer Seite auf die andere. Krieg kein Auge zu. Das Licht des Nachbarblockes scheint grell in mein Zimmer und mir ist es schlicht zu heiß.

Die Decken längst nicht mehr über mir, das Fenster weit auf, alles hilft nichts. Unruhig tigere ich vom Schlafzimmer zum Balkon und wieder zurück. No way. Keine Aussicht auf erholsamen Schlaf. Zumal die Bässe des Lakelive Festivals vom Seebecken herüberdröhnen. Die britische Indie-Rockband Bastille steht auf meinem Balkon, eh sorry, natürlich auf der Bühne.

Ja, auch ich war mal jung und schlug mir bei unzähligen Festivals die Nächtte um die Ohren. Und auch ich war am Lakelive und fands wirklich lauschig. Die gesamte Ambiente mit den zahlreichen Essständen, die Lage am See samt Sandstrand – wo findet man sowas! – die vielen Sportangebote – die verschiedenen Bands auf der Mainstage. Aber toll fände ich nach acht geschlagenen Nächten echt auch wieder mal vor ein Uhr eine Mütze Schlaf zu kriegen.

Die Zeit vergeht so langsam wie dickflüssiger Honig vom Löffel träuffelt. Nächtliche Zeit zum Grübeln. Meine Gedanken wandern an den Ort, an dem ich vor ein paar Jahren gewohnt habe. Das Haus stand mitten in den Reben. Ein altes, stattliches Bauernhaus. Mit Sicht auf den Bielersee, die St. Petersinsel, die gesamte Alpenkette. Ein Traum einer Lage. Ich kann mich noch an den Ausspruch eines Mannes erinnern, der mir vor dem Haus beim Abladen der Möbel zusah als ich einzog. Er meinte schmunzelnd: „ aha.. ..kommen Sie zu uns in den Himmel…?“. Es war mehr eine Feststellung als eine Frage.

Ich muss ihn wohl etwas verduzt angeschaut haben. Begriffen hab ich erst später was er damit gemeint haben mag. Denn es fühlt sich tatsächlich wie im Himmel an, dort zu wohnen. Warum bin ich da nur weggezogen? Ich liess mich haben. Von Freundinnen die sagten: „Komm mal runter von deinem Rapunzelturm. Das liegt viel zu weit weg von der Stadt.“ Wie konnte ich bloss?

Dort – mitten in den Reben hoch über dem See – herrscht die absolute Stille. Kein Wummern eines Basses raubt einen den Schlaf. Nur das leise Zirpen der Grillen ist zu hören. Keine unterträglich gestaute Hitze zwischen den Häusern, ein leises Lüftchen streicht über die Hügel und lässt die Nächte kühler erscheinen. Kein grässlichgelbfahles Licht einer Eingangslampe, das ins Zimmer fällt. Nur das Funkeln der Sterne am unendlich erscheinenden Firmament.

Es ist halb zwei Uhr in der Nacht. Schlaftrunken schlurfe ich vom Balkon ins Schlafzimmer. Die letzte Band scheint nun die Bühne geräumt zu haben. Endlich ist es still.

Und von irgendwoher glaube ich jemanden fragen zu hören: Kommen Sie zu uns in den Himmel?

Ja, ich komme, sobald ich kann.


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