Bleib bei dir!

In Yogastunden sind die Teilnehmer oft etwas überrascht, wenn ich sage: schaut auch einmal in die Runde und nehmt die anderen Teilnehmer wahr. Oder beim Sonnengruss, der aus zwölf Teilbewegungen besteht: dass die Übenden die anderen auch beachten und im möglichst gemeinsamen Rhythmus üben, was ein sehr ästhetisches Bild entstehen lässt. Vielfach wird im Yoga davon ausgegangen, dass man sich in den Übungen ganz auf sich selbst konzentriert, „bei sich selber ankommt“ oder eben „bei sich selbst“ bleibt. Der Aussen-Raum verschwindet, den Matten-Nachbarn nimmt man schon nicht mehr wahr.

Wenn man noch einen Schritt weitergeht, so könnte man glauben, die Yogaübung ist dann am besten ausgeführt, wenn man in der Übung in sich hineinhorcht, hineinspürt und den Rest der Welt hinter sich lässt. Je mehr nach Innen, je „yogischer“. Doch wohin spürt man in dieser Übungsweise wirklich?

„Bei sich selber bleiben“ kann eine weitverbreitete und auch sehr verführerische Komponente beinhalten. Im Sinne von: endlich muss ich mich nicht mehr um das beschwerliche Umfeld bemühen, endlich kann ich mich von den belastenden Umständen zurückziehen, abschalten, mich um mich selber kümmern und das Getöse der Welt hinter mir lassen. In die Stille einkehren, mir Zeit für mich selber nehmen, entspannen, relaxen, auftanken.

Bei der Sache bleiben

Genau das geschieht auf erbauendste Weise, wenn man in den Übungen nicht in das eigene Innere abtaucht und sich in sich hineinversenkt. Dieser stärkende Aufbau und die Entspannung geschieht paradoxerweise, wenn man „bei der Sache“ bleibt.

Dies bedeutet, dass der Übende sich auf einen konkreten Inhalt konzentriert. Um das zu veranschaulichen können wir uns beispielsweise die Übung des Kopfstandes vorstellen. Gelingt der Kopfstand einmal mühelos, so könnte man in der Endstellung tatsächlich schwelgen und ins Träumen geraten.

Bleibt man in Gedanken bei einem Aspekt der asana, wie der Ausrichtung auf die mittlere Region des Rumpfes, auf der Höhe des Sonnengeflechtes oder Solarplexus, können sich aus dieser Konzentration neue Erkenntnisse ergeben oder neue Empfindungen entwickeln. Wie die einer Dynamik, Aufrichtekraft, Zielstrebigkeit, Gestaltungskraft und Klarheit. Von dem einnehmenden, fixierten Gedanken-Klimborium, von der nie enden-wollenden Grübelei oder vom ängstlichen An-sich-selbstkleben wird der Teilnehmer so freier. Er wendet sich etwas Neuem hin, das er selber erforscht. Er konzentriert sich auf diese Region, auf diesen Punkt. Einem Punkt, den er in der Endstellung einmal angekommen, ruhig beobachtet. „Bleib bei dir“ ist im Neuen Yogawillen zu verstehen als: konzentriert bei der Sache sein! Bei einem Aspekt der Übung. Und genau das wirkt befreiend, aufbauend, ordnend und Lebenskräfte-spendend.

Auf dem Weg zur Yogalehrerin nach dem Neuen Yogawillen von Heinz Grill.www.eay-yogaverband.de


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