Lernen mit Begeisterung

Lernen erscheint für viele mühsam und langweilig. Wenn es dem Pädagogen jedoch mit seiner Arbeit gelingt, in Kindern, Jugendlichen oder Erwachsenen Begeisterung für eine Sache zu entfachen, erwacht wieder Interesse und Freude am Lernen. Diese Begeisterung für die Sache versetzt das Kind in die Lage, sich frei und eigenständig mit wichtigen Phänomenen intensiv auseinander setzen zu können und dürfen. Mit diesem freien Forschen schult das Kind ganz nebenbei bei sich eine freie Anschauungsbildung, die für das Lernen eine wichtige Grundlage ist. Nur deswegen kann es eine eigene, zusammenhängende Vorstellung des Phänomens kreieren, die auf realen Sinneserfahrungen beruht. So wird das Verständnis des Kindes für Naturerscheinung geweckt und gefördert.

Mit dieser Anschauungsbildung entwickelt das Kind ganz automatisch logisches Denken. Es baut mit seinen im Erforschen gewonnenen Sinneseindrücke eine zusammenhängende Vorstellung dieses Phänomens auf, das es näher studiert. Die freie Anschauung steht immer in Beziehung zum Phänomen oder zur realen Welt. Je mehr Erkenntnisse und Zusammenhänge das Kind oder der Jugendliche selber mit eigener Willensbemühungen gewinnt, desto mehr wächst es in seiner Selbst-Sicherheit. Sie befeuern das Kind in seinem Wunsch, die Wahrheit im betreffenden Naturgeheimnis tiefer zu erforschen.

Eine freie Anschauungsbildung in der Schule ist grundlegend wichtigSie gibt dem Kind den notwendigen Raum mit all seinen wachen Sinnen seine Welt wahrzunehmen. Jedes Kind, ob gross oder klein, will unbedingt seine Umgebung erforschen und diese kennen lernen, z.Bsp. den Wald und seinen Lebensraum. Eine zusammenhängende Anschauung des Lebensraum Wald entsteht nicht in der Schulstube. PädagogInnen teilen ihren Kindern allzu oft A4 Kopien aus, mit Bildern oder Skizzen der verschiedenen Formen der Bäume, ihren Blättern, der Rinde und den Früchten oder besuchen den Wald über das Internet. Im besten Falle können Kinder vor dem auswendig Lernen noch vorgezeichnete Bilder ausmalen. Dieses intellektuelle Wissen, das nicht in eine zusammenhängende Anschauung geführt werden kann, bleibt immer theoretisch und abstrakt. Es bleibt dadurch an der Oberfläche hängen. Wenn das Kind dieses Wissen in der Schule nicht mehr benötigt, wird es «schubladisiert» und das Kind vergisst dieses wieder.

Geht die Lehrperson mit ihren Schulkindern in den Wald, erlebt das Kind das Wispern der Blätter und Zwitschern der Vögel, die vielen verschiedenartigen Bäume, die in den Himmel ragen und das Licht durchtränkte Grün der zarten Blätter der Buchen. Bei praktischen Erlebnissen wie Holz für das Feuer zusammentragen, die Erde nach Lebewesen untersuchen, dem Riechen des typischen Geruchs der Walderde oder des Baumharzes, wenn die Sonnenwärme die Feuchtigkeit verdunstet, erlebt das Kind wichtige Sinneserfahrungen. Es gewinnt durch diese eine zusammenhängende Anschauung vom Leben.

Jugendlichekönnen oft bereits auf einen grösseren persönlichen Schatz an Sinneserfahrungen zurückgreifen. Darum können sie theoretische Inhalte bearbeiten und diese mit ihrem Erfahrungsschatz verbinden. So schaffen sie sich eine eigene, zusammenhängende Anschauung des Lerninhaltes. Das jüngere Kind, das über noch zu wenig Sinneserfahrungen verfügt, kann sich intellektuell noch nicht ein reales und zusammenhängendes Bild aufbauen. Es muss dieses Bild auf Aussagen der Lehrkraft oder des Schulbuches machen. Dieses Bild ist darum zusammenhanglos, nicht mit persönlichen Erfahrungswerte verbunden.

Die Lernergebnisse bleiben oft wie Fremdkörper, zusammenhanglos und emotionslos stehen. Sie sind sogar für das weitere Lernen des Kindes ein Hindernis. Da das Kind die Ergebnisse nicht logisch mit seinen Erfahrungen in Beziehung bringen kann, kann es sein weiteres Lernen nicht auf diesen Ergebnisse logisch aufbauen.

Deshalb ist das jüngere Kind bei intellektuell dargebotenem Wissen meist überfordert. Es muss das Wissen anderer Menschen annehmen, ohne es selber erforschen und hinterfragen zu können. Gerade dies ist für das Kind ein grosses Manko. Inhalte zu lernen , die mit keinen oder wenigen eigenen, echten Erfahrung verbindet werden können, führen nicht zu einer zusammenhängenden Anschauung. Das Kind spürt diesen Mangel und wird unsicher. Dadurch können Ängste entstehen und damit Leistungsdruck. Dieser Leistungsdruck beengt und bedrückt das Kind in seinem Wesen. Dies kann bis zu Depressionen, Verzweiflung und Versagensängste führen. Kinder beschränken sich dann meist darauf die Aufgabe, die sie lernen müssen, auswendig zu lernen und wenn die Lernzielkontrolle geschrieben ist, diese Inhalte einfach abzuhacken und wieder zu vergessen. Eine Anschauungsbildung zum Lerninhalt wird höchstens ansatzweise gelernt und damit bleibt auch die Begeisterung an einem kleinen Ort. Die Begeisterung für das eigenständige Entdecken der Welt verflüchtigt sich beim Aufkommen von Leistungsdruck auf langsame aber sichere Weise. Mit dem Schwinden der Begeisterung zieht sich auch das Bedürfnis zurück, die Welt zu verstehen und sie selber zu erforschen. Es wird von altbekanntem, althergebrachtem passivem Lernverhalten in den Hintergrund gedrängt. Heute weiss man, dass nur der kleinste Teil des Schulwissens bis ins erwachsene Leben hängen bleibt. Es sind die emotionalen Erlebnisse, wie Skilager oder Landschulwochen, die in Erinnerung bleiben.

Es gibt Kinder, denen es offensichtlich nicht möglich ist, sich mit dieser Situation zu arrangieren. Sie wollen die persönliche Auseinandersetzung mit der Welt und ihren Geheimnissen. Lässt man sie gewähren, bilden sie sich automatisch eine Vorstellung, die wie ein Puzzle Stück für Stück ein immer tiefer zusammenhängendes Bild ergibt. Begeisterung entfacht sich je mehr das Kind sein Objekt versteht. Es lernt wie von selbst. Dieses Gelernte bleibt in Erinnerung, weil Freude und Begeisterung das Lernen begleitet. Die Erkenntnisse, die das Kind aktiv mit seinen Forschungen gewinnt, sind darum Nahrung für seine Seele. Die Anschauungsbildung fördert das Kind im logischen und zusammenhängenden Denken und verhindert Leistungsdruck und Versagensängste. Die durch eigene Willensbemühung gewonnenen Erkenntnisse, stärken das Kind in seinem Selbstbewusstsein und befeuern es erneut auf Erkenntnissuche zu gehen.

Lernen ist ein lebenslanger Prozess. Selbst in hohem Alter fühlt der Mensch das tiefe Bedürfnis, die Erscheinungen des Lebens zu studieren und sich dabei immer wieder eine neue, persönliche Anschauung derselben zu bilden. Die Liebe zum Leben wird so immer wieder neu belebt, was den Menschen auch im Alter wach, gegenwärtig, interessiert, und begeisterungsfähig hält.

Eine aus eigenen Willensbemühungen entstandene Anschauung, ist darum ein grosser Gewinn für das Leben. Sie ist es, die das Kind, die Jugendlichen und Erwachsenen wahre Gesetzmässigkeiten in der sinnlichen Welt entdecken lässt.


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